Gail- Gründerin von "Mein Herz lacht" erzählt ihre persönliche, sehr bewegende Laufgeschichte

Veröffentlicht am 25. Februar 2022 um 20:17

Geschichte der Gründerin

Meine Geschichte beginnt 1997 als ich 21 Jahre alt war. Diese Nacht werde ich nie vergessen. Ich erinnere mich noch genau an den Anruf meines Vaters. Seine Stimme zitterte, erst brachte er die Nachricht gar nicht über die Lippen. Doch schließlich sagte er mir, dass mein 18-jähriger Bruder Suizid begangen hatte. Ich fuhr sofort nach Hause und versuchte, für meine Eltern da zu sein. Ich sah vor allem, wie meine Mutter litt, erlebte ihre Trauer und verbot mir, meine Emotionen zu zeigen. Ich wollte stark sein, und ihr eine Stütze sein in dieser schwierigen Zeit. Deshalb verdrängte ich alle Gefühle, die in meinem Inneren tobten.
Und genau das sollte mich später einholen. Viel heftiger und unerwarteter, als ich je gedacht hätte. Deshalb traf mich der zweite Schicksalsschlag mit noch viel größerer Wucht. Und warf mich vollkommen aus der Bahn.


Es war der 4. Mai 2006. Ich lag im Krankenhaus in Stuttgart und hatte mein erstes Kind zur Welt gebracht. Stolz hielt ich dieses kleine, zerbrechliche Wesen das erste Mal in meinen Armen und lächelte meinen Sohn an. Ich ahnte nicht, dass etwas an ihm anders war, denn ich konnte es nicht sehen. Vier Tage lang durfte ich dieses Wunder einfach genießen. Erst am Entlassungstag bei der Untersuchung stellte der Kinderarzt ein Herzgeräusch fest und schickte uns direkt zum Kardiologen.  Als ich sein ernstes Gesicht sah, war ich sofort alarmiert. Ich wusste, dass es eine schlimme Nachricht werden würde. An diesem Tag erfuhr ich, dass mein Sohn mit einem angeborenen, komplexen Herzfehler auf die Welt gekommen war.
Schlagartig kamen die Erinnerungen zurück. Ich sah meine Mutter vor mir und fühlte ihren Schmerz, als sie ihr Kind verlor. Meine unterdrückten Gefühle brachen sich Bahn, alles sprudelte in mir empor und legte sich wie ein dunkler Schatten über mein Herz. Ich bekam Angst. Die schier unmenschliche Angst vor einem Verlust, den ich nie verarbeitet hatte. Ich übertrug all die unterdrückten Gefühle, die der Tod meines Bruders in mir ausgelöst hatte und die ich tief in meinem Inneren vergraben hatte, auf meinen neugeborenen Sohn.


Es war zu viel für mich. Das sahen auch die Ärzte. Deshalb bekam ich bereits am dritten Tag auf der Herzstation unerwarteten Besuch. Eine ältere Dame saß neben meinem Bett und hielt meine Hand. Sie stellte sich als Vertreterin des lokalen Selbsthilfevereins für Kinder mit angeborenem Herzfehler vor. Und sie sollte eine der wichtigsten Bezugspersonen in meinem Leben werden.


Dann begann die Zeit der Operationen. Mein Sohn musste dreimal operiert werden. Ich weiß nicht, wie ich es ohne die Hilfe der Sozialpädagogin vom Selbsthilfeverein geschafft hätte. Sie bereitete mich und meinen Mann auf die Eingriffe vor und half uns mit dem Papierkram. Bald lernten wir auch andere Betroffene kennen, denn der Verein organisierte Elternabende, Mütter-Wochenenden und einen Mütterstammtisch. Und ich war dankbar über die Hilfe, doch etwas fehlte mir.
Trotz all der Unterstützung fühlte ich mich allein. Allein mit meinen Sorgen und Ängsten. Allein mit den Herausforderungen des Alltags, überfordert und unverstanden. Mein Mann und meine Freunde wussten nicht wirklich, wie es mir ging. Wie der Alltag mit einem kranken Kind aussah. Ich durfte nicht auf den Spielplatz gehen, durfte an keiner Krabbelgruppe teilnehmen, konnte nicht mit ihm einkaufen, aus Angst vor Krankheitserregern, die meinem Kind schaden konnten. Ich war gefangen. Gefangen in meinem Haus und wenn ich nach draußen ging, dann oft allein. Mir fehlte der soziale Kontakt, ich lernte kaum andere Mütter kennen und fühlte mich isoliert. Die wenigen Male, die ich mich draußen mit anderen Müttern traf, merkte ich, wie anders meine Themen waren. Wie anders mein Alltag und dass sie mich einfach nicht verstanden. All meine Fragen musste ich für mich allein klären. Die Angst war mein ständiger Begleiter. Ich hatte Angst um mein Kind, Angst vor jeder Kleinigkeit, Angst, ihn zu verlieren. Irgendwann erkannte ich mich selbst nicht mehr. Ich fühlte mich nur noch hilflos und mit jedem Tag ging ein Stück von mir verloren. Immer wieder stellte ich mir die Frage, wie die Zukunft meines Sohnes aussehen würde. Ob er jemals ein eigenständiges Leben würde führen können und ob er sich seine Träume würde erfüllen können oder nicht. Meine Kraft ließ nach, jeder Tag schien eine neue, schier unüberwindliche Herausforderung zu bergen. Ich wurde immer reizbarer und unserer Ehe tat das nicht gut.


Dann kam meine Tochter auf die Welt. Doch weil ich so sehr mit meinem Sohn beschäftigt war, hatte ich oft das Gefühl, sie würde zu kurz kommen. Ich hatte das Gefühl zu versagen. Mit meinen Kindern, mit meiner Ehe, als Mutter und Frau. Ich war mir nichts mehr wert, schien nichts richtig zu machen. Erst als es fast zu spät war, merkte ich, dass ich etwas für MICH tun musste, bevor ich zusammenbrach.
Nur durch Zufall traf ich beim Geburtsvorbereitungskurs eine andere Mutter mit einem krebskranken Kind, die nicht weit von uns entfernt wohnte. Sie war die erste, die mich verstand. Eine wunderbare Freundschaft entwickelte sich. Wir tauschten uns aus und das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich nicht mehr so allein. Ich schöpfte Kraft aus den Gesprächen, gewann Mut und lernte Schritt für Schritt, auch an mich zu denken. Und in diesem Moment spürte ich, dass es eine verständnisvolle Freundin in der Nähe war, die mir immer gefehlt hatte.


Es ging langsam bergauf. Auf einmal gab es Licht am Ende des Tunnels. Weil ich mir eine Stunde in der Woche für mich erobert hatte. Sonntag früh um 8 Uhr. Eine Stunde für mich allein. Ich nutzte sie, um mit meiner Freundin im Wald joggen zu gehen, abzuschalten und zu reden. Ein Luxus. Das Laufen tat mir so gut! Die frische Luft brauchte mir einen klaren Kopf. Ich weinte weniger, ich fühlte mich weniger allein, ich hatte soziale Kontakte und war nicht mehr dauernd auf dem Tiefpunkt. Es dauerte trotzdem eine ganze Weile bis ich merkte, wie das Laufen mein Leben veränderte. Es war meine Chance, wieder zu mir selbst zu finden. Und ich nutzte sie.
Nach reichlichen Überlegungen habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und mich zum Marathon angemeldet. In New York! Zum größten Marathon der Welt. Zehn Flugstunden entfernt. Weit weg von meinen Kindern. Das erste Mal ließ ich mein Herzkind allein. Mich plagten riesige Zweifel und ich hatte Angst. Aber mein Wille war stärker. Ich wollte wieder leben. Für meine Familie aber auch für mich.

Ich erinnerte mich an einen Satz von meinem damals dreijährigen Sohn, der mich berührte und motivierte: „Mein Herz lacht, wenn ich laufe". Das wurde mein Motto für meinen Marathon-Lauf.
Doch ich wollte nicht einfach nur für mich laufen. Ich wollte etwas zurückgeben. Denn ich war dankbar für die Hilfe, die wir erfahren haben und dankbar für die Gesundheit meines Sohnes. Deshalb wollte ich in New York nicht einfach nur so starten, sondern als Spendenläuferin. Vor dem Lauf saß ich jeden Abend da, während meine Kinder schliefen, und nähte: Kissen, Kinderkleidung und Taschen. Ich backte Kuchen und kochte Kaffee. Und verkaufte meine selbst genähten Sachen, Kaffee und Kuchen auf Märkten. Das eingenommene Geld habe ich gespendet.


Dann war es soweit: Der New York Marathon. Doch es funktionierte nicht beim ersten Mal. Hurricane Sandy kam dazwischen. Ich schaffte es bis New York aber der Marathon wurde kurzfristig abgesagt und fegte meine Träume hinfort. Es war richtig hart, aber ich gab nicht auf und meldete mich ein zweites Mal an. Als ich 12 Monate später über die Ziellinie lief, hatte ich mich selbst wiedergefunden. Es war wie eine Befreiung. Die Ziellinie war mein Start in ein neues, selbstbestimmtes Leben. Ich war dankbar.
In den letzten Jahren sammelte ich mit meiner Aktion über 60.000 Euro an Spenden ein und das Geld ging zu 100 Prozent an die „Deutsche Kinderkrebsnachsorge – Stiftung für das chronisch kranke Kind“. Für mein Engagement erhielt ich die Ehrennadel der Stiftung und den „dm-markt“ Helferherzen-Preis. Das tat gut. Nicht, weil ich gerne im Mittelpunkt stehe, sondern weil ich damit ein wenig Anerkennung bekam. Meine Aktion „Mein Herz lacht, wenn ich laufe“ brachte mir einen neuen Sinn in mein Leben zurück.

 

 

Wenn ich zurückblicke, sind es drei Dinge, die mir dabei geholfen haben, meinen neuen Weg einzuschlagen:
- Eine gleichgesinnte Freundin um die Ecke
- Zeit für mich, um Hobbies neu zu entdecken
- Chance durch das Laufen und Nähen, Danke zu sagen und etwas zurück zu geben.
Und genau das möchte ich auch anderen Eltern ermöglichen. Ich möchte ihnen helfen, ihren Weg zu finden. Viel früher und ohne die großen Leiden, die ich durchmachen musste. Denn ich glaube, dass wir Betroffene uns gegenseitig unterstützen können und niemand mein Schicksal teilen muss.

 

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